Ein Glas und eine Karaffe mit Wasser stehen auf dem Tisch. Im Wasser bildet sich das Rollen des Schiffes in der Dünung einer abgelegenen Bucht ab. Im Schein einer Laterne, in der die Flamme hinter einem Glas gut geschützt ist, erfüllt wieder einmal das Kratzen der Feder die Kabine des Kapitäns auf der „Kraken“.

„Wäre Mattias Jess nicht gewesen, dem ich seit unserer ersten Begegnung in Weltenwacht vor über sieben Götterläufen in tiefer Freundschaft verbunden bin, hätte ich wohl nie meine Füße auf die Erde der Lesath gesetzt. Doch so habe ich mich von den Drachenlanden aus direkt auf den Weg zur feinen und freien Stadt Neu-Ostringen gemacht.

Auf dem Weg traf ich einige Aventurier, mit denen ich gemeinsam reiste und bei denen ich unterkam. Eine Gruppe von Geweihten und Novizen der Tsa-Kirche, die mir in den folgenden Tagen die Lehren dieser oft verkannten Kirche in der ihr innenliegenden Ernsthaftigkeit nahe brachten. Besonders der Aspekt des Neuanfangs und damit dem setzen eines neuen Kurses hat einen größeren Einfluß gehabt, als ich es auch jetzt noch mehr erahne als begreife.

Schon seit einigen Jahren ist mein ‚Zwillingsbruder‘ in Neu-Ostringen als Herold tätig, so dass ich nicht zögerte ihn in seinen Aufgaben zu unterstützen. Eine interessante aber auch oft frustrierende Aufgabe, denn eine Einhaltung von Zeiten und angekündigten Veranstaltungen war einfach nicht sicherzustellen. Wenn ich so mein Schiff führen würde, hatten wir ständig eine große Wuhling an Bord.

Wir Herolde – Mattjess, die bezaubernde Milla, Fathima, Maximilian und ich – versuchten unser Möglichstes, aber die Widerstände waren oft zu groß. Was vor allem daran lag, dass die eigentlich Verantwortlichen die Verantwortung für ihre Aufgaben meist vermissen ließen. Man hatte das Gefühl, dass ein ständiges ‚Daddeldu‘ wie bei der ‚Dorothee‘ herrschte – nur ohne, dass dieses irgendwann endet und trotzdem alle ihre Grogration haben wollen.

Aber ich habe in ‚Streitland‘ auch unabhängig davon das Gefühl, dass die Meisten ihr Hirn an der Landesgrenze ablegen – wenn nicht schon vorher. Denn der ‚Wettkampf‘ dient nur dem Zweck möglichst viel Blut zu vergießen, damit eine angeblich böse Göttin gefangen bleibt und dort alles so bleibt, wie es ist. Und damit natürlich für die unsterblichen Lesath. Und Alle finden es richtig eine nicht bekannte Magie mit ihrem Blut zu unterstützen.

Ich habe starke Zweifel, ob die Meisten dieser Leute – und da beziehe ich besonders meine Handelspartner aus Yddland mit ein – das außerhalb von diesen Landen auch so sehen. Aber auf lesathischem Boden scheint Blutmagie plötzlich vollkommen normal und unterstützenswert zu sein. Ganz ehrlich: Wie bescheuert kann man sein?

Wo man beim Fest der Drachen zumindest nicht nur für die Herrschaft des Drachen, sondern damit auch für die von einem selbst unterstützten Aspekte, die nach einem Sieg auch in die Welt hinaus getragen werden, kämpft, sehe ich in dem Blutvergießen im Lesathland keinen Sinn. Die Lesathen machen ein großes Geheimnis daraus oder erzählen nur ihre Version einer Geschichte und führen sich auf, als hätten sie die Arroganz erfunden, scheinen aber ohne fremde Hilfe aufgeschmissen zu sein.

Die meisten Reisenden haben einen großen Spaß daran sich gegenseitig abzuschlachten, da man ja wegen eines Zaubers der Lesath nur selten stirbt, während hier irgendwer oder irgendwas durch Blutmagie Kraft sammelt. Gleichzeitig wird vor der bösen Göttin Theki gewarnt. Ich habe die Erzählung gehört, dass einst zwei Götter gegeneinander kämpften und die Welt zu zerstören drohten. Nur mit der Hilfe der mächtigen Theki konnten die Lesat diese Götter verbannen – und haben dabei Theki, die ihnen zu mächtig geworden war – direkt mit eingesperrt. Wenn das wahr ist, dann kann ich zumindest nachvollziehen, warum Theki sauer ist.

Nachts lauerten uns in der Stadt aber auch in den Lagern Gestalten aus schwarzem Rauch, welche ‚Schatten‘ genannt wurden, auf und bisher konnte mir Niemand erklären, wo die nun herkommen. Auch gibt es einen Kult einer Göttin mit vier Gesichtern, die starke Verwandschaft zu der vielgeschlechtlichen Versucherin zu haben scheint. Aber gut, dass wir sonst keine Probleme haben und weiter Blutmagie unterstützen, ohne wirklich sicher zu wissen warum und wofür.

Sich selbst Probleme machen kann man aber auch in Neu-Ostringen. Einer Stadt, die von zwei demokratisch gewählten Bürgermeistern und einem Stadtrat regiert wurde. Im Stadtrat waren alle Stadtviertel vertreten, aber normalerweise nur drei anwesend. Einer der Bürgermeister war Janko, ein Magister aus Riva, dem ich schon vor einigen Jahren in Amonlonde begegnet bin, und der Keiv, den Geschützmeister der Gorgon, als Leibwächter unter Sold hatte.

Der Andere, John Williams, ist überzeugter Demokrat und gibt sich als Mann der kleinen Leute, zugleich hat er jedoch viel Geld in seinen Wahlkampf gesteckt. Geld, das ja wohl irgendwo her kommen muss. Er war es dann auch, der hinter dem Rücken des Stadtrates geheime Verhandlungen mit dem Lager des alten Weges führte, während der Stadtrat beschloss die Miliz gegen dieses Lager ausrücken zu lassen. So warnte Williams mit einem Brief das Lager, das ’seine‘ Miliz angreifen wird.

Er zog selber mit der in diesem Jahr erstmalig aufgestellten Miliz, die das Lager des alten Weges stürmte, und wurde dabei verwundet. Verwundert zeigte sich indessen der Oberst (übrigens ein Aventurier aus Trallop), dass Geheimverhandlungen liefen und er keinen seiner Leute einer Gefahr hätte aussetzen müssen. Den erzürnten Altweglern übergab er daher den Bürgermeister zur Bestrafung. Eine Bestrafung, bei der viel Blut floß, wie ich anmerken möchte.

Abend echauffierte sich Williams dann noch in der Taverne und forderte den Oberst wegen Hochverrats anzuklagen, öffentlich vor Gericht zu stellen und aufs Ärgste zu bestrafen. Da das aber nicht in unser Aufgabengebiet als Herolde fiel, machten wir uns weiter an die uns zugewiesene Durchführung der Wahl des neuen Bürgermeisters von Neu-Ostringen, in deren Rahmen auch ich mich als Bürger der Stadt eintrug.

Gerade als wir Herolde am nächsten Tag alle Stimmzettel für die Bürgermeisterwahl beim Bürgerhaus abgegeben hatten, wurde der von uns abgehaltene Jahrmarkt jäh beendet und Käpt’n La Hire trat mit dem Oberst und dem Hauptmann der Pulvergasse auf die Bühne: Die Bürgermeister und der Stadtrat wurden für abgesetzt erklärt und sie Drei würden die Herrschaft übernehmen.

Kurze Zeit später wurde die Kesselgasse barrikadiert und erklärte sich als „Alt-Neu-Ostringen“ für selbstständig unter den amtierenden abgesetzten bisherigen Bürgermeistern. Die Ereignisse überschlugen sich, da während der großen Schlacht einige Städter im Bündnis mit dem Lager des grünen Kometen die Stadt besetzten und nun gegen die Putschisten die Miliz das Triumvirat verteidigten. Wir mir erzählt wurde war das Triumvirat aber schon gar nicht mehr vollständig, da der Pulvergraben die Seiten gewechselt hatte.

Colonel La Hire wurde als Einziger des Triumvirats brutal mißhandelt, bevor man sich einigte, dass fortan zwei Bürgermeister und der Oberst gemeinsam die Stadt regieren sollen. In der ganzen Wuhling sind übrigens die Stimmzettel verschwunden, so dass die Bürgermeister scheinbar erstmal einfach weiter regieren. Bei einem Gespräch zwischen wenigen Leuten wurde in einem Kompromiss das Herrschaftssystem der Stadt geändert und der Frieden bewahrt und alle Demokraten waren zufrieden.

Apropos Demokraten: Als ich meiner Aufgabe als Herold nachkam und zur Wahl des Bürgermeisters aufrief, wurde ich vom Schiffsarzt der ‚Drunken Bastard‘ tätlich angegriffen. Er bespritze mich mit Wasser aus einer Landlenzpumpe! Dieser alte Bock mit seinem roten Hütchen, der scheinbar allzu gerne selbstherrlichen Herrschern in den Allerwertesten kriecht!

Dabei habe ich nur meine Aufgabe wahrgenommen, für die ich Heuer erhielt – selber bin ich ja gar kein Demokrat. Eine Erkenntnis, die sich in den Tagen in Neu-Ostringen nochmal bekräftigt hat. So wie, ich Herrscher, welche diese nur auf Gewalt oder angeblich göttliches Recht oder alte Stammbäume begründen, ablehne, so schreckt mich doch der Mob oder widerwärtiges Pack, welches plötzlich regieren darf, fast noch mehr.

Ein gutes Beispiel, welche mißratenen Subjekte bei der Demokratie einen Anteil an der Macht haben dürfen, zeigte sich gut in der Gerichtsverhandlung gegen einen Wirt aus der Messergasse und seinem Handlanger. In seiner Spelunke hatte er zwei Gäste aus dem Lager des Lichts mit einem Schlafgift betäubt, sie ausgeraubt und – wie ich vernommen habe – den Horden des Chaos ausgeliefert. Bis zum Schluß blieb er uneinsichtig, spuckte auf das Gastrecht und verwies auf ein Schild an der Messergasse, dass es dort gefährlich sei. Als ob ich mit einem entsprechenden Schild am Haus auch jeden Mord entschuldigen könnte.

In einer öffentlichen Gerichtsverhandlung wurde er zur Zahlung einer Strafe verurteilt und seine Taverne geschlossen. Darüber hinaus wurde er für einen Götterlauf aus der Stadt Neu-Ostringen verbannt. Von mir aus hätten sie ihn aber auch am Zeremonienpodest, dem einzigen Ort, an dem man endgültig stirbt, aufknüpfen können. So bleibt mir nur die Hoffnung, dass dieses verkommene Sujekt in dem Jahr seiner Verbannung den Tod findet und sein Handlanger ebenfalls.“

Askir legt die Feder beiseite. Das Rollen des Schiffes hat zugenommen, was sich auch in der Schrift in seinem persönlichen Logbuch widerspiegelt. Kurzentschlossen erhebt er sich und verlässt die Kajüte, um einen prüfenden Rundgang an Deck zu machen. Ein Sturm scheint aufzuziehen und die Dünung hat sich verstärkt. Sicherheitshalber lässt er seewärts an Bug und Heck noch jeweils einen Anker ausbringen. Auch wenn die Frauen und Männer in der Schaluppe ihn für diese harte und nasse Arbeit verfluchen mögen – ein Stranden wäre sicherlich nicht besser. So vergeht einige Zeit, bis der Kapitän wieder an seinen Schreibtisch zurück kehrt.

„Johann von Schattenthal war in Lethe – unsere erste Begegnung seit unseren gemeinsamen Erlebnissen in Magonien vor gut neun Götterläufen. Er hat in dieser Zeit Aventurien und den Zwölfen den Rücken gekehrt und ist offensichtlich zu einem Iren geworden, wenngleich es für mich noch immer schwer ist das nachzuvollziehen. Doch er hat, seinen Worten nach, dort endlich Heimat, Familie und Sinn gefunden. Wie er richtig feststellte haben wir uns beide seit Magonien verändert.

Ich glaube nicht, dass Johann weiß, wie sehr mich seine Worte und unser Gespräch berührt und nachdenklich gemacht haben. Er hat recht: damals noch ein allein reisender Glücksritter, der auf Phexens Hilfe hoffend auf etwas Wohlstand hoffte, heute ein durchaus wohlhabender Händler, der die Zeit hat mit einem eigenen Schiff unterwegs zu sein. Doch noch lange habe ich in dieser Nacht alleine auf der Treppe zur Bühne gesessen und über ‚Heimat‘, ‚Familie‘ und ‚Sinn‘ nachgedacht.

Noch immer bin ich unterwegs, auf Reisen und kein Ort kann mich lange halten. Mein Schiff gleitet durch die See auf immer neuem Kurs und mit ständig wechselnden Zielen. Auf der Suche nach Abenteuer und vielleicht auch einem Ort, den ich ‚Heimat‘ nennen kann. Vielleicht aber auch, weil ich mich noch immer schwer damit tue, die See meine ‚Heimat‘ zu nennen – wenngleich sie die erste Antwort auf die Frage nach meiner Heimat ist, die mir in den Kopf kommt.

Bei dem Begriff ‚Familie‘ sah ich direkt ein großes Zelt mit Theke vor mir. Mehrere Schiffe, die Reling an Reling die Freiheit über die Meere tragen. Die vertrauten Gesicher von Arktos, Rubeus, Morgon, Draussen, … So verrückt es klingen mag, aber vor Allen sind es diese Männer und Frauen aus ‚Fortunas Flotte‘, die ich als meine Familie bezeichnen würde. Die meine Leidenschaft für die See und die Freiheit teilen. Auf die ich vertraue, wie sie sich auf mich verlassen können.“

Wieder legt Askir die Feder beseite. Er nippt am Glas Wasser, während er – den Blick aus den Heckfenstern hinaus auf die See gerichtet – überlegt, was er über den Sinn in seinem Leben schreiben soll. Was es dazu überhaupt zu schreiben gibt. Er ist ein Verfechter der Freiheit, aber er weiß auch zu gut, dass es in seinem Inneren noch eine Leere gibt, die genau diese Sinnfrage betrifft. Er hat in besagter Nacht nach dem Gespräch mit Johann länger darüber nachgedacht – ohne dass er eine Antwort gefunden hätte. So beschließt er es derzeit darauf beruhen zu lassen und nimmt wieder die Feder zur Hand.

„Was in ‚Lesathien‘ vor sich geht kann nicht gut sein, wenngleich es ein gutes Beispiel dafür abgibt, wie dumm Menschen sein können, wenn man ihnen nur einen halbwegs schlüssigen Grund für Blutmagie liefert. Von mir aus könnte man dieses Land damit allein lassen, doch zeitgleich gibt es dort gute Menschen, um die ich besorgt bin. Wie meine alten Freunde aus Yddland und meine neuen Freunde vom Tsa-Tempel, meine alten Kameraden von der ‚Drunken Bastard‘, die neuen Bekannten von der ‚Dorothee‘ – und nicht zuletzt die ‚Herolde‘, in erster Linie Mattias Jess. Sie sind der Grund, warum ich darüber nachdenken werde auch zu den nächsten Spielen in ‚Lesathien‘ zu reisen. Irgendwann in einigen Monden.“


OT-Anmerkung
Ich weise darauf hin, dass es sich bei dem obigen Text um eine Wiedergabe der Eindrücke meines Charakters Askir von der See handelt. Er beinhaltet das, was ich erlebt und erfahren habe – was nicht zwingend objektiv richtg sein muss.
Ebenso ist Askirs Meinung über einzelne Charaktere genau das: Askirs Meinung über Spielercharaktere, nicht zwingend über den Spieler hinter dem Charakter.
Dementsprechend bitte ich den obigen Text als reine IT-Meinung zu betrachten. Das diese Informationen natürlich nicht im Spiel verwendet werden sollten, da das private Logbuch von Askir nicht Jedem zugänglich ist, sollte selberverständlich sein.

2 thoughts on “Von der ersten Reise nach Lesathien”

  1. Amira IT: Ganz meiner Meinung es läuft einiges Falsch im Lande der Lesath, das zu ändern liegt an uns. Habt dank das Ihr die Geschehnisse in der Stadt noch einmal geordnet habt. Bei dem ganzen hin und her habe ich am Schluß nicht mehr durchgeblickt. Ihr möget mir verzeihen, aber bei der Göttin die Ihr erwähntet handelt es sich um eine „Viel-Gesichtige“ Göttin. Sie hat soweit ich weiß neun Aspekte und… das führt jetzt zu weit. Falls wir uns in einem Götterlauf dort treffen sollten können wir uns bei einem Bier darüber austauschen. Verzeiht meine Dreistigkeit einfach so einen Zettel mit meinen Gedanken in Euer Buch zu legen, es war vom Tisch gefallen und auf dieser Seite aufgeschlagen.
    (OT: Ich glaube wir kennen uns IT nicht, bin da aber etwas unsicher.)

    1. Hallo.
      Aye, ich glaube wir sind IT zwar öfters aneinander vorbei gelaufen, aber ich meine auch, dass wir uns IT bisher nicht kennen. Ich hatte aber auch so viel zu tun, dass in dem Bericht meist das steht, was ich aufgeschnappt habe – besonders was die ganzen theologischen Hintergründe angeht bin ich noch nicht ausreichend tief in das Geschehen eingestiegen, hoffe aber, nächstes Jahr dort etwas mehr Zeit für zu haben. 😉

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