Käpt’ns Logbuch #006

Freedom Keep, 12. Tag im ersten Monat, Jahr 21 n.B.

Nur kurz hat Askir das Fenster geöffnet, um etwas frische Luft in sein Quartier im Turm von Freedom Keep zu lassen. Doch der Wintersturm, der Eis und Schnee in sich trägt, hat schon bald frostige Kälte in den Raum getragen. Im großen, jedoch einzige Kamin in dem Raum lodern die Flammen, doch vermögen sie die Kälte nicht zur Gänze zu vertreiben, welche selbst bei geschlossenen Fenstern durch die Wände kriecht. Schon seit Tagen umtost ein Sturm Haven Island, umweht die Gebäude von Port Libertania und zerrt an den Tauen der in der Hideaway Bay liegenden Schiffe.

Ein neues Jahr hat begonnen und Askir denkt an das vergangene Jahr. Die Gemeinde auf der Insel ist durch die angeworbenen Siedler angewachsen. Viele der Siedler ehemalige Sklaven, welche durch die Crew der “Kraken” mittels Überfälle auf Küsten und die Schiffe von Sklavenhändlern befreit wurden. Aber auch Menschen, die dem Joch der Tyrannei entfliehen und auf einer Insel mit vielen Freiheiten neu anfangen wollten. Auch die Verlegung des Hauptkontors der “HandelsCompagnie Haven” in die Siedlung und dem Handel, auch mit Gütern zweifelhafter Herkunft, hat seinen Teil dazu beigetragen.

Entsprechend hat das Leben in den Straßen und Gassen von Port Libertania, der in die Bucht hinein gebauten Siedlung, zugenommen. Durch Handwerker und Händler, Hafenarbeiter und Gastwirte, Huren und Beischläfer, Seeleute und Landlubber, Doktoren und Barbiere, Büttel und Diebe, Guanosammler und Bergleute, Fischer und Werftarbeiter und Einiges mehr. Auch wenn bei diesem Wetter keine Schiffe durch die Passage in die Bucht einfahren konnten war in der Stadt auch bei einem solchen Sturm, wie er in den vergangenen Tagen über die Insel fegt, für ausreichend Kurzweil gesorgt.

Nach der Fahrt zu Beginn des letzten Jahres, die auf Grund von Johanns Dummheit erforderlich war und auf welcher die Crew von Gedron, Shaemus und Nanaschi begleitet wurde, war das vergangene Jahr ebenso seltsam weiter gegangen. Ein Jahr ohne den Ruf des Blauen zum Fest der Drachen oder nach Elitawana, ohne Jemanden von der Flotte Fortunas zu sehen – ohne überhaupt besondere Fahrten an neue und ferne Gestaden durchgeführt zu haben. Auch wenn die Zeit, in der man sich dem Aufbau von Haven Island und der Anwerbung neuer Siedler gewidmet hat, sinnvoll genutzt wurde, merkt Askir immer stärker wie seine innere Unruhe wächst.

Askir nimmt sich eine Flasche Port, setzt sich in den Sessel vor dem Kamin und gießt sich ein. Während er trinkt blickt er in die Flammen, die im zugigen Kamin tanzen. Das Pfeifen der Windes um das Gemäuer von Freedom Keep erinnert ihn an eine schicksalhafte Fahrt mit der „Kraken“ im Herbst des vergangenen Jahres. An den wilden Herbststurm, der als graue Wand un aufhaltsam auf sie zurollte. An die Kreuzsee, welche sich durch die Winde bildete. An die Wellen, die stetig in die Höhe wuchsen. An die Strecktaue über Deck und die fest gelaschte Ladung.

An Rahat, der mit ihm am Ruder stand, um die „Kraken“ auf Kurs zu halten – auf einen Kurs vor den Wellen. Wie Getriebene, in Angst vor einer quer herein kommenden Woge, welche das Schiff hätte umschlagen lassen. Der Bugspriet splitterte mit einem lauten Knall, der selbst auf dem Achterdeck zu hören war. Der Bug tauchte zu tief in die Wellen, die Segelfläche musste verringert werden. Schon erschall der Pfiff der Bootsfrau und ohne Zögern enterten die unerschrockenen Topgasten auf. An ein Reffen des Toppsegels war nicht zu denken, so hakten die Matrosen in der Rah das Segel einfach ab. Es löste sich reißend und flog befreit in die Dunkelheit des nächtlichen Sturms. Doch ein Schrei hallte zum Deck hinunter. Gero hatte sich mit einem Fuß in einem Tau verfangen. Gemeinsam mit dem Segel entschwand seine Gestalt in Wind und Wogen.

Letztendlich hatten sie den Sturm überstanden. Leicht hätten sie alle dort im Sturm ihr feuchtes Grab finden können. Der Verlust eines Crewmitglieds war dagegen ein geringer Preis, den die unberechenbare See gefordert hatte – doch es schmerzt, dass es gerade Gero sein musste. Er war das erste Crewmitglied gewesen, das mit seinem Kapitän zum Fest der Drachen gesegelt war. Dort hatte sich der mutige Kämpfer in der Sturmflut und bei vielen nächtlichen Missionen ausgezeichnet, bevor er beim letzten Besuch dort an der Gründung der „Muräne“ beteiligt war und diese mit angeführt hatte.

Überdies war Gero auch in der Mannschaft sehr beliebt gewesen und hat eine nur schwer zu füllende Lücke in der Crew hinterlassen. Entsprechend gedrückt war die Stimmung – trotz jeder berechtigten Erleichterung nicht selber von der See verschlungen worden zu sein – nach der Fahrt. Trotz aller Vergnügungen, die Port Libertania bereithält, ein weiterer Grund, dass die „Kraken“ baldigst wieder in See sticht, auf dass die Frauen und Männer der Crew auf andere Gedanken kommen.

Doch noch hält das Wetter alle Schiffe in der Hideaway Bay fest und es scheint nicht so, als würde das Wetter bald aufklaren. Ärgerlich ist, dass bei diesem Sturm auch die Arbeiten in der Werft nicht fortgesetzt werden können. Dies betrifft vor allem das Schiff, dass von der „Kraken“-Crew im Spätherbst des letzten Jahres erbeutet wurde.

Nihal hatte das andere Schiff von der Saling aus als Erste ausgemacht, als es mit dem Rumpf noch unter dem Horizont stand. Die „Kraken“ wechselte, erstmal zum Sondieren, auf einen neuen Kurs. Je schneller die „Kraken“ aufschloss, desto klarer zeichnete sich die Schnau-Brigg vor dem klaren Himmel ab. Dort war man nicht so aufmerksam, denn der Rumpf stand schon über der Kimm, als man auf der Brigg den Toppsegelschoner wahr nahm. Hektik brach auf Deck und in der Takelage aus, als man eiligst an Bord der Brigg mehr Tuch setzte und sich zur Flucht wandte.

Damit wurde die Vermutung zur Gewissheit: es handelte sich um ein Handelsschiff und es war klar, wer hier Jäger und wer Beute war. Eine Handels-Brigg war erfahrungsgemäß nicht stark bewaffnet und besaß nur eine Mannschaft, die gerade groß genug war die Segel zu bedienen. Und wie sie bedient wurden ließ den Schluss zu, dass die Crew dort an Bord eher aus Händlern als aus gestandenen Seeleuten bestand. Die „Kraken“ holte immer weiter auf.

Um seine Haut zu retten entschied der Kapitän der Brigg seine Fracht über Bord zu werfen. Zum Einen, um sein Schiff so leichter zu machen. Zum Anderen, weil er wohl die Hoffnung hatte, dass die „Kraken“ die Jagd beenden würde, um die Fracht zu retten. Askir hatte beobachtet, wie die erste Fracht von Bord geworfen wurde und sein Gesicht verdüsterte sich. „Setzt die Boote aus – und zwar schnell!“, tönte seine Stimme über das Schiff. In voller Fahrt wurden so die Beiboote ausgesetzt und nacheinander ihrem Schicksal überlassen.

Im Kielwasser der Brigg und des Toppsegelschooners treibende Rettungsinseln für die Sklaven, von denen immer mehr in der See schwammen. Dies war die Fracht, die von der Mannschaft der Brigg über Bord geworfen wurde. Von Menschenhändlern, die nur ihre eigene Haut retten wollten. Doch als die Brigg versuchte durch eine Wende ihren Verfolgern zu entkommen und sich in dieser festfuhr, war die Jagd beendet, denn plötzlich war die „Kraken“ heran. Die Karronaden brüllten auf und Kartätschen fegten den Bereich an der Reling des Gegners frei. Nur einen schlecht bis gar nicht gezielten Schuss aus einer ihrer Kanonen konnte die Crew der Brigg abfeuern, bevor die Enterhaken flogen und die „Kraken“-Crew das Sklavenschiff enterte.

Es dauerte nicht lange, bis die Sklavenhändler die Flagge strichen und ihre Waffen auf die Planken des Decks fielen. Sofort eilten einige Crewmitglieder unter Deck, um die Sklaven zu befreien. Die „Kraken“ sammelte achteraus die Boote und die schwimmenden Überlebenden ein. Alsbald war aus dem Deck der Brigg ein Platz geworden, wo die nunmehr befreiten Sklaven von der Dottoressa und Gwen versorgt und vom Smutje verpflegt wurden. Etliche knabberten pflichtschuldig und dankbar an Haferkeksen, während ihre von Hass erfüllten Augen auf ihre Peiniger gerichtet waren.

Etliche von Ihnen hätten gerne gesehen, wie die Sklavenhändler an der Rah aufgeknüpft worden wären. Doch Askir hatte anders entschieden: Er ließ die kleinste Schaluppe aussetzen, gab Lizzy einige Anweisungen und einige Zeit später wurden die Menschenhändler in das Boot getrieben. Sie fluchten und flehten, protestierten und baten, doch als die zwei Schiffe die Segel setzten blieben sie immer weiter zurück. Währenddessen meldete Lizzy dem Kapitän, dass, wie befohlen, der den Ausgesetzten mitgegebene Verpflegungskorb neben einer kleinen Flasche Wasser nur einen Holzblock (zur Vortäuschung einer ausreichenden Verpflegung) enthält – und ein scharfes Messer. Zudem schien es ihr, als hätte das kleine Boot dringend kalfatert werden müssen.

Die beiden Schiffe nahmen Kurs auf Haven Island. Dort konnten die Sklaven als freie Menschen ein neues Leben anfangen, sich eine neue Existenz aufbauen, vielleicht sogar auf einem Schiff anheuern. Askir war in die Kapitänskajüte gegangen, um die Karten und das Logbuch der Brigg zu studieren. Sie hatte schon etliche Fahrten mit menschlicher Fracht hinter sich und an viel Leid ihren Anteil gehabt. Eine üble Karriere, die nun ihr Ende gefunden hatte. Und der Kapitän hatte schon eine Idee, wie das Schiff in Zukunft für bessere Taten zu nutzen sei.

Gemeinsam mit dem Schiffszimmermann begutachtete er das Schiff, stieg in den Rumpf hinab und kletterte zur Saling hinauf. Wie die Sklavenhändler bewiesen hatten war die Brigg mit einer recht kleinen Crew zu segeln, so dass sie Platz für einhundert Sklaven gehabt hatten. Zu viele Seelen für einen Transport auf der „Kraken“, denn schon bei einigen der letzten Befreiungen von Sklaven war es auf der „Kraken“ sehr eng geworden. Vor allem, wenn das Sklavenschiff so schwer beschädigt war, dass es den Weg nach Haven Island nicht mehr antreten konnte. Bei einem Überfall auf eine Küste hatten sie sogar Sklaven am Strand zurück lassen müssen. Dass die Befreiten tagelang neben dem Toppsegelschoner her schwimmen erschien keine sinnvolle Lösung zu sein.

Auch mussten sich die Matrosen im Bauch der „Kraken“ die Hängematten teilen. Nur die Freiwache hatte ihre persönlichen Schlafgelegenheiten. Es war so eng im Rumpf des Toppsegelschooners, dass daher zwei Wachen gegangen werden mussten. Es muss nicht erwähnt werden, dass dementsprechend wenige Platz für Güter und Ausrüstung verblieb, was sich negativ auf die Handelsmöglichkeiten und die Zeit, in der man auf hoher See bleiben konnte, auswirkt. So war es kein Wunder, dass sich Askir schon länger mit dem Gedanken nach einem größeren Schiff trug.

Doch bloß keine Schiffstypen wie beispielsweise eine Galeone oder eine Fregatte, wie sie mehrere Crews aus dem Blauen Lager nutzten. Schiffe, die als reguläre Kriegs- und Kaperschiffe über dreihundert Besatzungsmitglieder benötigen. Dreihundert Besatzungsmitglieder, die bezahlt und verpflegt werden müssen. Je größer die Mannschaft, desto lohnender muss auch eine Prise sein, damit jedes Crewmitglied nicht nur ein paar Heller als Prisengeld erhält. Schnell ist man dann gezwungen entsprechend große und meist schwer bewaffnete Schiffe anzugreifen, bei denen das Risiko von Tod und Versenkung höher ist als der Wert der Beute es ratsam erscheinen lässt. Auch die Auffälligkeit auf Grund der Größe des Schiffes und der höhere Tiefgang, durch den man nicht mehr in jede versteckte Bucht einlaufen kann, spricht gegen ein Schiff von der Größe einer Galeone oder Fregatte. Aber diese Brigg schien genau die richtige Größe zu haben.

Ausreichend für den Transport von Personen und größeren Mengen an Gütern, wobei sie selbst dabei noch mehr Platz für die Crew bietet als der Toppsegelschoner. Doch so klein, dass sie mit wenigen Seeleuten in der Takelage gesegelt werden kann und insgesamt eine Crew von etwa fünfzig Personen ausreichen sollte, um alle ihr zugedachten Aufgaben anzugehen. Der Tiefgang war nur wenig größer als die der „Kraken“. Sie mag nicht so hart an den Wind gehen können wie der Toppsegelschoner, doch fängt die Brigg mit ihrer größeren Segelfläche mehr Wind ein und gerade bei frischem Wind in den oberen Luftschichten ist sie von Vorteil.

Bald schon nach ihrer Ankunft auf Haven Island wurde daher die Brigg in die Werft von Port Libertania verbracht. Askir hatte etliche Veränderungen und Umbauten vorgesehen, bevor das Schiff wieder in See stechen soll. Als Erstes wurden alle Ketten und Vorrichtungen zum Transport von Sklaven entfernt, denn das wird auf keinen Fall mehr benötigt. Zu den weiteren Umbauten zählten unter anderem die Errichtung eines Raumes für Madame Méduse und ihre Kuriositäten im Unterdeck, einige doppelte Wände für den Schmuggel von Waren oder Personen sowie neue Standorte für Werkzeug, das unter der Aufsicht von Miss Kabumm Schnürstiefel stehen wird. Veränderungen, die auf Grund der Kosten zu einigen Radierungen in den Büchern der HandelsCompagnie Haven geführt haben.

Derzeit liegt die Brigg an einem Kai von Port Libertania und wartet auf besseres Wetter, denn erst dann kann die die restliche Ausrüstung erfolgen und fertig gestellt werden. Alles steht in den Lagerhäusern der Werft bereit, doch ein Verladen ist bei den Temperaturen, der Feuchtigkeit und dem Wind nicht angeraten. Nach des Kapitäns Schätzung wird es noch einige Wochen dauern, bis der Tag gekommen ist, an dem gleichzeitig die Brigg auf den Namen „Kraken“ getauft wird und die bisherige „Kraken“ einen neuen Namen erhält.

Was das für ein Namen sein wird, den der Topsegelschooner, der fortan als Begleitschiff und als Schiff für besondere Missionen mit einem Teil der „Kraken“-Crew dienen wird, erhalten soll weiß Askir jedoch noch nicht. Doch er hat sich überlegt Skua zu fragen, denn die Shantyma’am der „Kraken“ schien auf spontane und kreative Einfälle spezialisiert zu sein. Meistens waren diese sogar zu gebrauchen.

Askir nimmt noch einen weitere Schluck seines Portweins, bevor er sich aus seinem Sessel am Kamin erhebt und an seinen Schreibtisch hinüber geht. Bald schon sitzt er an den Papieren, die sich auf dem Tisch stapeln. Ausrüstungslisten, Bauvorhaben in Port Libertania, Pläne zur Sprengung eines Felsens im Bereich der Graveyard Rocks und Einiges mehr. Ausreichend für etliche Stunden Arbeit. Arbeit, die in Askir die Sehnsucht nach der Weite des Meeres nur noch steigert.

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