Schlagwort: Nalleshof

  • Nach einem Frühstück auf der „Rhetis“ hatte sich Askir von der Kurtisane, dessen Name er schon längst wieder vergessen und keine Bedeutung für ihn hatte, verabschiedet, bevor er sich auf den Weg in die Stadt gemacht hatte. Dafür überquerte die Prinzessin-Emer-Brücke, die mit zwanzig Schritt Höhe und einer Länge von zweihundert Schritt die größte Brücke Aventuriens ist, zum Stadtteil Unterfluren. Mit beschwingtem Schritt, eine Hand am Pergament in seiner Tasche, schlenderte er durch die Straßen in Richtung Efferd.

    2013-09-10_askir_havena_1

    Es dauerte seine Zeit, bis er an der Brückstraße anlangte – die wohl seltsamste Straße der ganzen Stadt. Auf der einen Seite liegen die wunderschönen Villen von Unterflur, auf der anderen Seite die kleinen, verwinkelten Gassen von Nalleshof. In einer dieser Tweten führten seine Schritte und mit jedem Schritt roch es mehr nach Salz und Meer. Denn diesen Stadtteil durchweht der ihm so bekannte Hauch von Seefahrt und Abenteuer. Schon jetzt, am Tage, dringt der Lärm der fröhlichen Zechern, zumeist Seefahrer, die ihre Heuer auf den Kopf hauen, hinaus in die Gassen. Selten dringt ein Sonnenstrahl auf den Weg, denn die Giebelhäuser stehen hier dicht aneinander gedrängt.

    Plötzlich wurde vor ihm eine Tür aufgestoßen und ein Mann flog vor seine Füße. Noch während dieser sich sich aufrappelte drangen weitere Männer und Frauen aus der Taverne hinaus. Einige stürzten sich auf den Mann, andere suchten diese davon abzuhalten. Kurzentschlossen machte Askir einen Satz zurück – als ehemaliger Matrose wusste er nur zu gut, wie schnell man selbst als eigentlich Unbeteiligter in eine solche Tavernenschlägere (auch oder gerade wenn sie auf der Strasse ausgefochten wurde) hineingezogen werden konnte. Anhand von Wortfetzen, in Wut und Zorn geschrieen, konnte er schnell herausfinden, dass sich einige Matrosen wohl abfällig über die „Havena-Bullen“ geäußert hatten. Und sowas konnte ein Imman-Anhänger aus Havena natürlich nicht auf sich sitzen lassen.

    In gebührendem Abstand betrachtete Askir die Schlacht, die mit Fäusten, Tonkrügen, Flaschen und Holzknüppeln (Belegnägel wie Stuhl- und Tischbeine) ausgetragen wurde. Doch natürlich war er nicht allein, denn ein solches Spektakel zieht immer viele Schaulustige an. Schaulustige, welche den Kampf bewerteten und kommentierten. Aber auch Schaulustige, die freudestrahlend (und oft schon etwas angeheitert) der einen oder anderen Seite beistehend in den Kampf eingriffen. Einige Wenige sogar, die sich einfach ins Getümmel stürzten und auf jeden eindroschen, der in die Reichweite ihrer Fäuste gelangte, ohne sich um den Grund des Streites oder irgendwelcher Parteien zu sorgen. Kein Wunder, dass bald die Anzahl der Streiter erheblich gewachsen war.

    Ohne Interesse in die Prügelei hinein gezogen zu werden – vor allem nicht mit dem Pergament in seiner Tasche – entfernte sich Askir unauffällig und zog sich in eine Seitengasse zurück. Sicher eine der engsten Gassen des Viertels, wie es Askir schien. Nicht mehr als ein Trampelpfad im Zwielicht zwischen zwei Häusern. Wäre er in Orkendorf gewesen hätte es ihn sicher besorgt, doch er war in Nalleshof. So setzte er seinen Weg in Richtung Hafen fort – als ihn ein kräftiger Schlag auf den Kopf in die Dunkelheit sandte …