Logbuch 28. Tag, 6. Monat, 26 n.B.

In den Gewässern von Tortuga an Bord der Brigg „Kraken“

Bei mäßigem Wind von Nord-Ost haben wir den Hafen von Port Henry auf Tortuga verlassen. Wie schon in den letzten Tagen brennt die Sonne erbarmungslos vom blauen Himmel. Die „Kraken“, gefolgt von der „Wogentänzerin“, hat Kurs in die Gewässer von Nibrah gesetzt. Das Donnern von fünf Schüssen aus den Backbordkanonen rollt über die See als letzter Gruß an die „Aurora“, die einen anderen Kurs segelt.

Als mir Ragabash im letzten Götterlauf einen Don-Ring, wie sie ihn bezeichnete, zukommen ließ, hatte sie entweder im Sinne ihres Spiels mit uns Sterblichen gelogen oder nicht gewusst, wie ein Don-Ring aussieht. Was auch immer der Grund war: Ich bin kein Don. Und darüber bin ich auch indessen froh.

Ich hatte nie um diese „Ehre“ gebeten, doch allein das Gerücht, dass es mit mir einen neuen Don gibt, hat offenbar auf Tortuga für etwas Aufregung gesorgt – in erster Linie bei den Dons selbst. Doch nur die Dons Joker und Tales haben mich auf die Hintergründe angesprochen.

Besonders unser Gespräch, an dem neben den zwei Dons auch Admiral McNeard und Claire teilnahmen, war sicher für uns Alle aufschlussreich. Dabei berichtete Kerindor von seinen Reisen zum ersten und zweiten Fest auf Tortuga, von der Ernennung der ersten Dons (durch sie selbst) und der Bedeutung der Ringe, die letztendlich die nicht mehr als Symbole sind.

Doch davor schon hatten die beiden Dons mir mitgeteilt, dass ich keinen der echten Don Ringe habe – selbst, wenn Ragabash das gesagt hat. Sie hatten zudem die Besorgnis, dass ich durch die „Ernennung“ durch Ragabash, dem sie zudem das Recht absprachen eine solche Entscheidung zu treffen, einen besonderen Status hätte. Aye, den hätte ich – aber allein zu meinem Nachteil.

Denn schon am ersten Tag unseres Aufenthaltes in Port Henry hatte Ragabash das Gespräch mit mir gesucht. Er hat mir klar gemacht, was er von mir erwartet, um die alteingesessenen Tortugiesen und die vielen Gäste, unter ihnen etliche Blaulageristen, zusammen zu bringen. Und er hat mir mitgeteilt, dass er zwei Tage später zurückkehren würde, um meine Fortschritte zu prüfen. Eine solche besondere „Aufsicht“ ist nie von Vorteil.

Natürlich hätte es die Option gegeben die Macht zu ergreifen, wie es in Tortuga Sitte ist. Indem ich einen Don töte und den richtigen Ring an mich nehme. Oder indem ich mich zum Don ernenne und dann dieses mit ausreichenden Unterstützenden durchsetze. Doch solange ich weder weiß, welchen Don man mit dem geringsten Widerstand töten kann, noch ob ich ausreichend Unterstützende habe, ist dies kein sinnvolles Unterfangen.

Sowohl Ragabash als auch Borawag, die bedeutensten Loa von Tortuga hatten in diesem Jahr von neuen Körpern Besitz ergriffen. Zudem war nach vielen Jahren auch ihr Sohn Rangobluekareshi in Port Henry unterwegs. Wir im Lager des „Kraken“-Geschwaders haben den beiden Loa bei ihrem Erscheinen den von Ihnen gewünschten Respekt gezollt. Doch wie zuvor in den Jahren waren wir damit unter den Reisenden offenbar nicht Teil der Mehrheit.

Ich nahm in der Folge von Ragabashs Auftrag an dem öffentlichen Pow-How teil, sprach mit dem Dons Joker und Tales, mit Blaulageristen und anderen Personen aus meinem vielfältigen Bekanntenkreis, die in Port Henry anzufinden waren. Mit Don Tales, Kapitän der „Treibholz“, bin ich zu zudem zu einem Unterwasserschiff getaucht. Und bis zur Eröffnung der Feier beherbergten wir die Schildkröte des Gouverneurs im Lager.

Für viele Dinge war es jedoch viel zu heiß und auch meine Bauchwunde aus dem letzten Enterkampf hat mir fortwährend Probleme gemacht. So waren mein Bewegungsradius, meine Beweglichkeit und meine Möglichkeiten aktiv zu sein doch merklich eingeschränkt.

Die Zeiten, in denen ich mich schonen musste, habe ich aber zum Nachdenken genutzt. Im Besonderen, um für mich die Frage zu beantworten, wie viel der Titel des Don mir wirklich wert ist – vor allem, nachdem ich erfahren habe, welche Pflichten damit einher gehen – unter anderem Haven Island aufzugeben und nach Tortuga umzusiedeln. Wenngleich diese Verpflichtungen vermutlich nirgendwo schriftlich fixiert sind, sondern nur in den Vorstellungen der Tortugiesen existieren.

Dabei kam mir auch ein Gedanke, den ich auch gegenüber Don Joker und Don Tales äußerte. Meiner Ansicht nach sollten sich die Dons, erst jeder für sich, dann gemeinsam, die Frage stellen, wie sie sich das Tortuga der Gegenwart und Zukunft vorstellen, um dann entsprechend den Kurs zu setzen. Einen Kurs, auf dem sie Alle mitnehmen sollten. Denn letztlich sind Alle, die derzeit Tortuga noch als Gäste besuchen, mögliche zukünftige Tortugiesen.

Ein Gedanke, denn ich auch bei meinem zweiten Gespräch gegenüber Ragabash äußerte. Seine Reaktion war, dass er wüsste, wie er und seine Frau sich Tortuga wünschen würden. Erst große Leidenschaft, welche nicht auf die körperlichen Freuden zu reduzieren sind, für Borawagh und dann gegenseitiges Quälen und Morden für ihn selbst.

Das war im Gespräch im „Jolly Rogers Inn“ am gestrigen Abend, zu dem er mich rufen ließ, und indem von dem Ring, den er mir zukommen ließ, keine Rede mehr war. Er hatte mit den Dons gesprochen und hätte nun eine Aufgabe für mich. Wenn ich diese Bestehe, dann würde man in Betracht ziehen, dass ich Don werden könnte. Dabei zeigte der Loa sich davon überzeugt, dass dieser Titel mein größter Wunsch sei.

Die Aufgabe, der ich mich, unterstützt durch die Crew meines Geschwaders, im nächsten Jahr widmen solle, wäre die Blaulageristen in Port Henry davon abzuhalten in Wort und Tat gegen die tortugiesischen Interessen zu handeln. Wenn sie sich jedoch falsch verhalten würden, dann wäre ich dafür verantwortlich. Was bedeuten würde, dass ich und meine Crew mit einem langen und qualvollen Tode dafür bestraft würden.

Da er gleichzeitig ständig seinen Sohn in seine Schranken wies und belehrte war eine Diskussion oder Erwiderung zu dem Zeitpunkt nicht möglich. Dabei versuchte Ragabash seinem Sohn beizubringen, wie man sich als Loa zu verhalten habe und wie man, „mit den Menschen spielen muss“. Ich hatte Mitleid mit dem Sohn und habe jedes Verständnis für einen Vatermord.

Allein verantwortlich für das Handeln der Blaulageristen? Was bedeutete, dass alle Blaulageristen in Port Henry ihre Taten vorher mit mir besprechen und ich sie genehmige? Selbst in den vier Jahren als Sprecher des Captain’s Table wäre mir das nie gelungen – selbst, wenn ich es versucht hätte. Das gelingt selbst dem Blauen Avatar nicht. Diese Aufgabe ist damit gleichbedeutend mit Selbstmord.

Auch, weil wir im Blauen Lager nicht nur Freunde sind und es sicher Blaulageristen gibt, die mich und meine Crew gerne tot sehen würden. So würden sie die erfolgreiche Bewältigung der Aufgabe hintertreiben und vermutlich dabei schneller sein, als dass wir ihr Tun gegen uns herausfinden und sie töten könnten. Somit ist unser Tod in diesem „Handel“ nur zu verhindern, indem wir Tortuga in Zukunft nicht mehr anlaufen. Nie mehr, so lange Ragabash existiert.

Mit diesem Wissen ist die Crew geschlossen zu Ragabash gegangen, um ihn um ein weiteres Gespräch zu bitten. In der Taverne „Fischgräte“ haben wir ihn gefunden und ich habe versucht zu erklären, dass dieser Handel nicht funktioniert. Er machte uns klar, dass es kein Handel ist, denn das würde bedeuten, dass er mich als gleichwertig ansehen würde, was nicht der Fall ist. Es ist eine Aufgabe und damit eine Anordnung.

Doch er änderte die Anordnung: ich wäre nicht mehr für die Taten der Blauen verantwortlich, aber es läge in der Aufgabe meiner Crew und mir die Verfehlungen von Blaulageristen im nächsten Jahr mit Gewalt zu ahnden und zu zeigen, dass wir uns für Tortuga einsetzen. Die Dons sollen das kontrollieren und entscheiden, ob wir diese Aufgabe wahrgenommen oder versagt haben.

Beeindruckt, dass wir als Crew des Kraken-Geschwaders zusammenstehen, bin auch ich es nun allein, der bei einem Versagen mit einem langen und qualvollen Tod bestraft werde – nicht mehr die Crew. Und obwohl ich versucht habe ihm klarzumachen, dass ich mir den Don-Titel lieber auf althergebrachte Weise verdienen würde, ließ er sich darauf nicht ein. Ich glaube nicht, dass jemals ein Don vor der Ernennung eine solche Aufgabe zu erfüllen hatte.

Meine Sicht auf die Loa hat sich gerade durch diese Gespräche in den letzten Tagen verändert – und das nicht zum Guten. Die Loa, vor allem Ragabash, spielen mit den Menschen zu ihrem Vergnügen. Einem Vergnügen, das im Fall von Ragabash auf Tod und Leid basiert. Sie fordern Respekt, aber haben selbst keinen Respekt gegenüber denen, die sich für Tortuga einsetzen – unabhängig ob Tortugiesen oder Gäste. Während wir Seefahrende, anders als der Adel in den alten Ländern, uns unseren Respekt durch unsere Worte und Taten erarbeiten und erhalten müssen, basiert der Respekt vor den Loa auf ihrer Macht und der Angst vor dieser Macht. Das habe ich auf dieser Reise erkannt.

Sie sind so etwas wie die Götter dieser Insel, aber Götter, deren Macht allein auf Angst basiert. Was sie für die Insel und vor allem für die Menschen, von denen sie Respekt und Ehrerbietung einfordern, wirklich tun, habe ich bisher nicht erkennen können. Aye, ich zeige Respekt gegenüber Wesen, die mich mit einem Fingerschnippen töten könnten – aber es fällt mir schwer darüber hinaus Respekt zu empfinden oder sie gar ähnlich wie Götter zu verehren.

Es sind gerade noch so viele Gedanken und Gefühle im Spiel, welche sich am gestrigen Abend während und nach den Gesprächen mit Ragabash aufgebaut haben und mich nicht richtig schlafen lassen. Daher werden wir die Entscheidung, ob wir Tortuga wieder anlaufen und uns der gestellten Aufgabe stellen werden, erst später treffen, wenn sich die Gemüter beruhigt haben.

Jetzt haben wir aber wieder Kurs gesetzt in die Gewässer vor Nibrah, wo wir die „Wellenreiter“ und die „Kalmar“ wiedertreffen werden …

Bei diesem Besuch in Port Henry mit an Land waren: Kommodore Askir von der See, Kapitän Kerindor, Zahlmeisterin Azina, Quartiermeisterin Polly, Maat Loanne, Smutje Elias, Skua, Rahat, Annesley, Widukind und Dunja. Und mit Nika haben wir nun ein neues Besatzungsmitglied, die vorher auf der Aurora gefahren ist.

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