Askirs Logbuch: Auf der Fahrt nach Tortuga

Persönliches Logbuch
von Askir von der See, Kommodore des Kraken Geschwaders
Auf hoher See an Bord der Brigg „Kraken“ am 18. Tag im sechsten Monat im Jahr 26 n.B.

Von Engonien aus haben wir Haven Island angesteuert, wo wir uns in Port Libertania mit den anderen Schiffen des Geschwaders getroffen haben. Erstmals dabei war auch die „Wogentänzerin“, eine Ketsch unter dem Kommando von Kapitän Kerindor Sabon. Bei dem Treffen auf Freedom Keep wurden alle Kapitäne und Offiziere darüber informiert, dass Prinz Hakim al’Shedir den Kaperbrief für die Gewässer um Nibrah um ein weiteres Jahr verlängert hat. Das Schriftstück mit seinem vollständigen Inhalt, das der Prinz dem Kommodore in Engonien überreicht hat, wurde allen zur Einsicht vorgelegt.

Ich habe dabei nochmal in Erinnerung gerufen, dass wir letztes Jahr auch die „Caida de Sol“ die Nutzung des Kaperbriefes angeboten haben, was Kapitän Zykkar und seine Crew für einen Alleingang gegen den Hafen von Nibrah genutzt hat. Daher wird die Verlängerung des Dokuments zur Freibeuterei dieses Mal nicht mit der „Caida de Sol“ geteilt.

Es wurde auch angesprochen, dass die Regierung der Stadt Nibrah nach dem Überfall auf ihren Hafen und die Kaperung einiger Handelsschiffe reagiert hat. Es sind indessen mehr Schiffe der Marine auf See und auch die meisten Handelsschiffe sind stärker bewaffnet. Um die Risiken zu minimieren werden wir daher zukünftig möglichst mit mindestens zwei Schiffen angreifen.

Unter dieser Prämisse ergeht der Befehl an die Crews für eine weitere Kampagne an der Küste von Nibrah. Die Schiffe werden ausgerüstet und zwei Tage später stachen sie in See mit Kurs in die Gewässer vor der Wüstenstadt Nibrah. Im Radius von einhundert Seemeilen sollen die „Wellenreiter“ und die „Kalmar“ unter dem Kommando von Kapitän Adario die Seewege für den Prinzen sichern, während die „Kraken“ und die „Wogentänzerin“ von dort weiter nach Tortuga segelt. Es ist vorgesehen, dass die beiden Schiffe nach dem Besuch von Tortuga wieder zu den anderen Schiffen stoßen werden.

Die Türme von Nibrah waren über der Kimm sichtbar, als sich die Schiffe trennten, und die „Kraken“ und die „Wogentänzerin“ Kurs nach Tortuga setzen. Auf diesem Kurs wurde eine Schebecke der Handelsmarine von Nibrah gesichtet, welche nach kurzem Flaggensignal zwischen der Brigg und der Ketsch von diesen angegriffen wurde.
Es brauchte einige Treffer in die Takelage des Gegners, unter anderem mit Kettenkugeln, und mehreren Treffern auf ihre Ruder, bis die Schebecke geentert werden konnte. Auch wenn die Kartätschen aus den Karronaden der „Kraken“ ein Teil des Decks freigeräumt hatten, war die Gegenwehr groß. Offensichtlich waren selbst die Handelsschiffe zur Abwehr von Angriffen weitaus stärker bemannt als noch vor einem halben Jahr.

Auch war der Widerstand stärker, als ich es erwartet hatte. Zumal wir jegliche unnötige Grausamkeit vermeiden und Alle, die sich ergeben oder gefangen werden, bei nächster Gelegenheit an der Küste und damit in die Freiheit aussetzen. Ich hatte eigentlich die Hoffnung gehabt, dass sich das herumspricht und es den Besatzungen die Entscheidung sich zu ergeben erleichtert. Offenbar ist das nicht der Fall.

Eine Erkenntnis, die ich am eigenen Leib erfahren musste. Beim Kampf an Deck war es wie gewohnt irgendwann ein ständiges Hauen und Stechen, nur unterbrochen von vereinzelten Schüssen aus den Pistolen. In diesem Chaos hatte ich gerade einen Gegner zu Fall gebracht, zog meine Axt aus seiner Schulter und drehte mich um, als der Säbel eines anderen Feindes von oben geführt auf mich nieder ging. Zwar konnte ich etwas zurück weichen – jedoch nicht weit genug.

Nun habe ich eine vertikale Wunde von gut fünfzehn Zentimeter auf der Mitte meines Bauches, die mit etlichen Stichen genäht werden musste. Langsam kann ich mich wieder besser bewegen, doch es dürfte noch einige Wochen dauern, bis die Wunde vollends verheilt ist.

Der Schebecke jedoch hat es nicht geholfen. Wir haben sie erobert, geplündert und ihre Überreste versenkt. Die wenigen Überlebenden haben wir bei nächster Gelegenheit an Land gesetzt.

Bei gutem Wind werden wir in einer Woche in Port Henry anlegen. In meinem ersten Jahr auf Tortuga als Don werde ich es langsamer angehen lassen müssen, als ich mir erhofft hatte. Aber so finde ich womöglich die Zeit mit Azina über die anderen Kontrakte, die sich in Engonien ergeben haben und die ich bisher noch nicht in großer Runde verkündet habe, zu sprechen …

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